Der Berliner Vintage-Laden Stilraum stellt sich vor


Altbewährtes in neuem Glanz

Von Emma Lucek

An einem verregneten Herbstmorgen traf ich Mieke und Genja Fehr in ihrem Friedrichshainer Showroom. Bei meiner Ankunft erwarteten sie mich vor ihrem Laden – lauthals über die Frage sinnierend, wie sich ein entspannter Tag bloß mit dem allgegenwärtigen Baustellenlärm vertrüge. Bereits beim Eintreten in ihr Vintage-Wunderland stellte ich jedoch fest, wie schnell die Außenwelt vor lauter Staunen über die Sammlung des Paares in Vergessenheit gerät.

Mieke und Genja fanden 2007 über einen gemeinsamen Urlaub in Dänemark zum Vintage-Design. Damals gingen beide noch Berufen nach, die überhaupt nichts mit Design zu tun hatten. Ihre Leidenschaft für das Aufspüren, Erwerben und Verkaufen von Möbeln zeigte sich bereits auf zahlreichen Berliner Flohmärkten. In Dänemark lernten sie dann die loppis kennen – die skandinavische Flohmarkt-Kultur – und verliebten sich in die klaren Linien und das solide Handwerk des dänischen Midcenturys. Obendrein waren die Möbelstücke überraschend preisgünstig, da viele dänische Händler*innen diese damals zugunsten neuerer Kollektionen veräußerten. Mieke und Genja erlangten auf diesem Gebiet schnell Expertise: wie wir und viele andere Designliebhaber*innen sind sie der Meinung, dass skandinavischen Möbelstücke der Nachkriegszeit wahre Schätze sind, die nie aus der Mode kommen.

Nach der Geburt ihres Sohnes ging Mieke ein Jahr lang in Elternzeit und es wuchs der Wunsch, ein Unternehmen im Bereich Vintage-Design zu gründen – anfangs in Form eines Online-Shops. Im kleinen Rahmen wurden Stücke wie Lampen aus Dänemark eingekauft, gelagert, fotografiert und von Miekes und Genjas gemeinsamer Wohnung aus versandt. Später, als ihr Zuhause immer mehr zu einem Design-Labyrinth heranwuchs, nutzte das Paar auch ihren trockenen Keller, um dort die Objekte zu lagern und abzulichten. Schließlich beschlossen die beiden, sich zu vergrößern: sie begannen, nach einem Ausstellungsraum und einer Werkstatt zu suchen.

Durch einen glücklichen Zufall fanden die beiden Räumlichkeiten direkt im Nebenhaus. Für mehr als einhundert Jahre war hier eine typische Berliner Eckkneipe untergebracht: ein großer und heller Ort, der mit Würde gealtert ist. Sehr charakteristisch ist die unverputzte Wand im ersten Zimmer, wo einst die Bar stand. Als ich Mieke danach frage, verrät sie mir, dass die Maler*innen ihre Renovierungsarbeiten bereit vor dem Ausbauen der Bar abgeschlossen hatten. Als dann später die alte Wand zum Vorschein kam, entschloss sich das Paar sie so beizubehalten. Heute eignet sich diese ideal als Kulisse für Fotostrecken und Produktaufnahmen.

Stilraum mit seinen Vintage-Schätzen Foto © Ramtin Zanjani für Pamono Seit dem großen Umzug ist das gemeinsame Geschäft von Mieke und Genja richtig aufgeblüht. Sie reisen immer noch oft nach Dänemark – bei jeder Reise steigt wird der Transporter größer – und pflegen daheim ihren treuen Kundenstamm. „Das ist das Schöne daran, sowohl einen Ausstellungsraum als auch ein Online-Präsenz bei Pamono zu haben“, meint Genja. „Wir können persönliche Beziehungen zu unserer Kundschaft aufbauen und gleichzeitig weltweit sichtbar sein.“

Ihren Erfolg haben Mieke und Genja nicht zuletzt ihrem einzigartigen Fokus zu verdanken: sie haben ein Segment auf dem Markt für dänisches Mobiliar gefunden, das zu ihnen passt und das bisher nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die ihm zusteht. In den 1950er und 1960er Jahren zogen bestimmte Designer*innen und Hersteller*innen neue industrielle Verfahren traditionellem Handwerk vor. Dieser Sinneswandel war vor allem dem großen Einfluss der deutschen Bauhaus Bewegung geschuldet. Dennoch blieben diese Designer*innen und Hersteller*innen dem Stil treu, den wir heute unter dem Begriff Danish Modern kennen. Neben legendären dänischen Designer*innen wie Hans Wegner, Poul Kjærholm und Kaare Klint gab es also auch zahlreiche unbekannte dänische Talente, die erschwingliche Designobjekte in großen Mengen entwarfen. Genja verrät, dass es in beinahe jedem kleinen Dorf, das er bereiste, eine Art Produktionsstätte für Möbel gab. Obwohl diese weniger bekannt als E. Kold Christensen sind, erfüllen sie alle Bedingungen des Danish Modern: feinste Verarbeitung, hochwertiges Material und eine klare wie rationale Formgebungen. Hier findet sich auch der Hauptabsatzmarkt von Mieke and Genja: sorgfältig gearbeitete und wunderschöne Stücke, die nicht immer weltberühmt, dafür aber viel erschwinglicher sind als vieles von Getama, Glostrup , Jason Møbler , Niels Eilersen , Ørum Møbelfabrik , Omann JunKomfort und anderen.

Mieke and Genja finden oft Objekte, die mehr Anerkennung verdienen, als ihnen bisher zuteil geworden ist. Deshalb haben sie in den hinteren Räumlichkeiten von Stilraum eine Werkstatt für Restaurierungsarbeiten integriert, um den verkannten Schönheiten eine Verjüngungskur zu verpassen. Ein wenig aufwendiger Prozess, so Genja, denn das Grundgerüst überzeuge bereits durch seine Formgebung und seine Stabilität. Zwei angestellte Profis kümmern sich, sofern gewünscht, um jedes Stück, das einer Restaurierung bedarf. Sie schleifen und behandelt das Holz, lackieren und beziehen die Objekt im Anschluss gegebenenfalls. Gelegentlich werden Stücke aus dem Lager auch personalisiert und bemalt. Ist kommt jedoch äußerst selten vor, dass mehr als ein Bauteil mit einem gerade angesagten Farbanstrich versehen wird, um dem heutigen Zeitgeschmack zu entsprechen. Leider konnte ich persönlich keines dieser Stücke besichtigen, da diese sich Mieke zufolge sehr schnell verkaufen – keine große Überraschung!

Das Unternehmen, das aus einer gemeinsamen Leidenschaft heraus entstanden ist, bringt Mieke and Genja sichtlich viel Freude. Auch wir freuen uns sehr, die zuri Pamono-Familie zu zählen, um uns über Wissen und Vorlieben im Bereich Design austauschen zu können. Alle Fans des skandinavischen Designs sollten ihre Augen für die wunderschön gearbeiteten, robusten und mit Liebe umsorgten skandinavischen Stücke von Stilraum offen halten!

 

  • Übersetzung von

    • Jessica Hodgkiss

      Jessica Hodgkiss

      Jessica ist Cheesecake-Enthusiastin, Kunstliebhaberin und man findet sie häufig auf Flohmärkten. Außerdem liebt sie es, Zeit in Berlins wunderschönen Parks und den Seen in der Umgebung zu verbringen. Die in München geborene Übersetzerin studiert zur Zeit Kunstmanagement im Master.

  • Text von

    • Emma Lucek

      Emma Lucek

      Die England geborene Emma hat polnische Wurzeln und lebt momentan in Berlin. Mit ihren Erfahrungen im Bereich Forschung und Design findet sie nicht nur tolle neue Händler*innen für Pamono, sondern schreibt seit kurzem auch kritische Texte über Kunst, Architektur, Kulturgeschichte und natürlich Design.

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