Wie DC Hiller mit seiner Leidenschaft tausende von Menschen ansteckte


Modernes Mid-Century Fieber

Von Wava Carpenter

Erst vor einigen Jahren gründete DC Hillier eine Facebook-Gruppe für all jene, die seine Leidenschaft für Mid-Century Modernismus teilen. Er hatte dabei keinerlei kommerzielle Absichten: in der Gruppe sollten lediglich ganz zwanglos und halbprivat nostalgische Archivbilder von Möbeln, Inneneinrichtungen und Architektur gepostet werden, während man sich mit Informationen zu Herkunft und Hintergründen der gefundenen Designstücke austauschte. Heute zählt die Gruppe fast 80.000 Mitglieder, und es scheint noch kein Ende in Sicht!

“Mid Century Modern”, so der Name dieser geschlossenen Facebook-Gruppe, war anfangs zwar nur als Zeitvertreib gedacht, entwickelte sich jedoch schnell zu einer beliebten Online-Plattform, auf der sowohl Design-Fachleuchte als auch Laien Anekdoten und Bilder von ihren stets freudigen Begegnungen mit Designs des 20. Jahrhunderts austauschen konnten. Inspiriert von diesem schier unersättlichen Appetit auf Mid-Century Modernismus seiner Gruppe, gründete der in Montreal lebende Hillier kürzlich die bildungsorientierte Webseite MCM DAILY – mit einer dazugehörigen MCM Daily Facebook Seite, die zurzeit um die 25.000 Likes zählt – sowie seine eigenen Profilseiten auf Twitter und Instagram, letztere mit fast 50.000 Followern.

Hillier, der in einem kleinen Fischerdorf an der Ostküste Kanadas geboren wurde, hätte nie gedacht, dass er mit seiner Freizeitaktivität eines Tages alle Hände voll zu tun haben würde. Er arbeitet zwar weiterhin als Innenarchitekt und renoviert Häuser, aber seine Online-Aktivitäten haben zunehmend Einfluss auf seinen Alltag. Als erklärte MCM Fans mussten wir den Mann hinter diesem Mid-Century Fieber unbedingt selbst kennenlernen.

Wava Carpenter: In Ihrer Online-Biografie kann man lesen, dass Sie sich in das Mid-Century Design verliebten, als Sie die Filmschule besuchten. Können Sie uns mehr darüber erzählen, wie diese Liebesgeschichte anfing?

DC Hillier: Tatsächlich gibt es für mich eine persönliche Verbindung zwischen Design und Film. Als ich etwa zwölf Jahre alt war, schaute ich den James Bond Film Man lebt nur Zweimal im Fernsehen. Ich war ganz fasziniert vom Setdesign. Das war wohl meine erste bewusste Wahrnehmung von modernem Design.

Als ich das Ontario College of Art & Design in Toronto besuchte um Film & Medien zu studieren, belegte ich einige Designkurse. Obwohl ich Film sehr mochte, wurde modernes Design schnell zu meiner neuen Leidenschaft. Ich verschlang jedes Buch und jede Zeitschrift zu diesem Thema—tue ich übrigens heute noch!

WC: Was hat Sie dazu gebracht, MCMDaily.com zu gründen? Welche Intention steckt hinter der Seite?

DC: MCM Daily Magazine hat sich aus meiner Mid Century Modern Facebook Gruppe entwickelt, die ursprünglich nur dafür gedacht war, ein paar Fotos von tollen Designklassikern zu posten und sich darüber mit anderen zu unterhalten. Was mich am meisten überraschte, war, dass sehr viele Mitglieder sich genauso wie ich dafür interessierten, mehr über die einzelnen Stücke, die Designer und die Hersteller zu erfahren. Ich gründete MCMDaily.com als ein Nachschlagewerk für alle, die sich nicht nur ein tolles Designstück anschauen wollen, sondern auch mehr über Design an sich und die Designer dahinter erfahren möchten.

WC: Können Sie uns mehr über Ihren Erfolg in den sozialen Medien erzählen? Wie lange haben Sie an diesen Seiten gearbeitet und wie organisieren Sie Ihre Online-Präsenz?

DC: Obwohl ich bereits Webseiten für mich selbst und meine Clairtone Sammlung erstellt hatte, war Facebook meine erste soziale Online-Interaktion. Seit 2012 leite ich nun die Mid Century Modern Gruppe und seit über einem Jahr auch MCMDaily.com sowie die dazugehörige Facebook-Seite und den Instagram Account.

Ich habe schnell gelernt, dass die sozialen Medien sich voneinander unterscheiden und man an jedes Medium anders rangehen muss. Instagram zum Beispiel ist beständig und schnell, sodass man Informationen ganz kurz und präzise formulieren muss. In der Facebook-Gruppe hingegen gibt es ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl. Dort kann man mehrere Fotos mit zusätzlichen Informationen posten und es ist generell etwas entspannter.

Bei dem Inhalt meiner Posts bemühe ich mich immer, nicht nur die bedeutenden Klassiker zu zeigen, sondern auch eher unbekannte Stücke vorzuführen. Zusätzlich versuche ich so oft wie möglich über Designerinnen der Zeit zu schreiben, da sie viel zu oft aus der Designgeschichte ausgeklammert werden und es verdienen, mehr Aufmerksamkeit für ihre Arbeiten zu bekommen.

WC: Können Sie uns mehr über die Gemeinschaft erzählen, die Sie online gebildet haben? Ich kann mir vorstellen, dass Ihre Aktivitäten dort sowohl befriedigend und auch zeitintensiv sind. Wie hat Ihre Online-Präsenz Ihr Leben außerhalb des Internets beeinflusst?

 

Man Lebt nur Zweimal (1967) Setdesign des legendären Ken Adam

Solange mir jemand zuhört, werde ich weiterhin über modernes Design sprechen. DC: Ha! Tatsächlich hat die Arbeit mehr und mehr Einfluss auf mein alltägliches Leben, sogar meine Freunde haben mich schon darauf angesprochen. Mittlerweile lebe ich das “Online-Leben” seit vier Jahren und verbringe täglich vier Stunden, wenn nicht länger, mit der Verwaltung der Facebook-Gruppe, der Webseite und des Instagram Accounts. Die Leute, die meine Posts lesen, und auch die Mitglieder meiner Facebook-Gruppe sind wirklich eine fantastische Truppe. Sie wollen mehr über Dinge erfahren, die mir wichtig sind, und möchten ebenso ihr Wissen mit anderen teilen. Jeden Tag lerne ich etwas Neues! Ich meine, wenn Sie das einem Jugendlichen aus einem kleinen, abgelegenen Fischerdorf mit einem Faible für Design erzählen—dass er eines Tages mit 75.000 Menschen “befreundet” sein wird, die seine Leidenschaft für modernes Design teilen? Ich würde sagen, dass ich mich wirklich glücklich schätzen kann!

WC: Können Sie uns ein wenig mehr über Ihre eigene Sammlung erzählen? Was sind Ihre Highlights? Von welchen Stücken sind Sie täglich umgeben?

DC: Ich sammle nun schon seit einigen Jahren und besitze mittlerweile viele Stücke, mit denen ich sehr glücklich bin. Müsste ich mich jedoch für einige wenige entscheiden, würde ich sagen: ein Paar frühe EJ 5 Corona Chairs von Poul Volther, weil sie nicht nur toll aussehen, sondern auch noch gemütlich sind; und ein Prototyp des Floris Chairs, entworfen und hergestellt von Günter Beltzig (einer der drei, die er zur Kölner Möbelmesse im Jahr 1968 mitnahm). Ich war mir selbst nicht so ganz sicher, was ich da vor mir hatte, bis ich mich an Beltzig persönlich wandte und er mir etwas zu den Stühlen und ihrer Entstehungsgeschichte erzählte. Zuletzt noch eine Sammlung aus Glasfaser-Stücken (Barhocker und niedrige Tische), 1968 von Nanna Ditzel für Domus Danica entworfen. Die Stücke umgeben mich tagtäglich und ich kann mich nicht an ihnen sattsehen.

WC: Wie gehen Sie an das Sammeln heran? Suchen Sie nach bestimmten Stücken oder Designern? Geht es dabei eher um Investitionen oder zufällige Funde?

Culbuto Chair & Ottoman von Marc Held, 1967 Bild mit freundlicher Genehmigung von Galerie Yves Gastou DC: Als ich zu sammeln begann, waren es eher zufällige Anschaffungen. Eigentlich alles, was mir auf- und gefiel (und was ich mir leisten konnte!). Als ich dann etwas mehr über Designer und internationale Ansätze des modernen Designs wusste, sprach mich besonders das europäische Design der 60er Jahre an. Die “Plastic Fantastic”-Stücke, die meistens eher durch ihr ausgefallenes Design auffielen als durch ihre Funktionalität. Trotzdem haben diese Stücke einen besonderen Charme! Momentan bin ich auf der Suche nach einem Paar Culbuto Chairs von Marc Held mit hohen Rückenlehnen.

Ich denke nicht an eine Investition, wenn ich ein Stück finde. Es stimmt schon, dass ich viele der Stücke für weitaus weniger gekauft habe, als sie eigentlich wert sind, aber darüber mache ich mir nicht so viele Gedanken.

WC: Was macht Mid-Century Modernismus für Sie aus? Zählen Sie dazu die gesamte materielle Kultur zwischen 1930 und 1970? Oder gibt es ästhetische Kriterien, nach denen Sie sich richten?

DC: Die Frage, was Mid-Century Modernismus bedeutet, wird auch online viel diskutiert. Da es in dem Sinne keine Designbewegung oder Schule gibt, die den „Mid-Century Modernismus“ definierte, werden darunter ledigliche eine Reihe von Designbewegungen von den 1940ern bis circa 1970 zusammengefasst. In etwa so, wie “Viktorianisch“ als Überbegriff für verschiedene Designstile des 19. Jahrhunderts steht.

Wenn man sich mit Modernismus und seinen verschiedenen internationalen Interpretationen beschäftigt, fällt die Antwort leichter. Für mich ist es ein Design ohne Vorreiter. Es gibt kein “Neo“ oder “Revival“ im modernen Design. Wenn ich mir zum Beispiel einen Hans Wegner Stuhl anschaue, dann sehe ich keine Bezüge zu einem bestimmten historischen Stil. Es ist neu, originell, oft einfach und zugänglich. Das bedeutet für mich modern.

WC: Welches Mid-Century Designstück repräsentiert die Ära Ihrer Meinung nach am besten und warum? Und welcher Designer?

Modell 670 Eames Lounge designt von Charles und Ray Eames für Herman Miller, 1956 Foto © Daniel Leblanc DC: Das wird sich jetzt sehr klischeehaft anhören, aber nach einigem Kopfzerbrechen würde ich sagen, dass der 1956 von Charles & Ray Eames für Herman Miller entworfene Modell 670 Eames Lounge diese Ära am besten zusammenfasst. Der Stuhl ist schlichtweg der Inbegriff des Modernismus und hat sich seinen Status als Kultstück des zeitlosen Designs mehr als verdient. Er passt in jeden beliebigen Raum.

Finn Juhl aus Dänemark ist für mich der repräsentativste Designer dieser Zeit. Er machte den skandinavischen Modernismus international bekannt und entwarf wunderschöne Stücke mit einem grazilen, leichten Charme. Juls reduzierter Umgang mit Farbe und sein handwerkliches Können bleiben unerreicht.

WC: Warum denken Sie, dass das Mid-Century Design immer noch so viele Menschen begeistert?

DC: Das ist eine gute Frage, über die ich oft nachgedacht habe. Die anhaltende Popularität modernen Mid-Century Designs hat vielleicht damit zu tun, dass wir oft das Gefühl haben, in einer unsicheren Zeit zu leben, die voll von Fertig- und Einwegprodukten ist. Wir verwenden Produkte heutzutage nicht mehr besonders lange. Neue Möbel sind zwar preiswert, sollen aber auch bereits nach wenigen Jahren ersetzt werden. Wenn unsere Eltern ein Sofa gekauft haben, wurde es zehn Jahre oder mehr genutzt. Es gibt viele Fotos von Kindern, die auf ein und demselben Sofa aufwachsen sind. Genau das gefällt mir. Und obwohl ich jetzt nicht allzu poetisch werden will, hat ein tolles modernes Mid-Century Möbelstück, im Gegensatz zu den Selbstbau- und Mitnahmemöbeln, eine Geschichte; es hat etwas Beständiges. Diese Stücke sind wunderschön und formvollendet. Es lebt sich so leicht mit ihnen, dass sie einem fast schon ein beruhigendes Gefühl geben.

WC: Was kommt für Sie als nächstes?

DC: Momentan arbeite ich an Inhalten für MCMDaily.com. Bald werden Videos und ein regelmäßiger Podcast über Modernismus hinzukommen. Außerdem will ich eine Firma für Möbel- und Designberatung gründen und hoffe, dass ich dafür sowohl mit Auktionshäusern als auch individuellen Sammlern und Verkäufern zusammenarbeiten kann. Und ja, ich werde über modernes Design sprechen, solange mir jemand zuhört.

*Besonderer Dank geht an die Galerie Yves Gastou für das Bild des seltenen Culbuto Chairs.

 
  • Text von

    • Wava Carpenter

      Wava Carpenter

      Seit ihrem Studium in Designgeschichte an der Parsons School of Design hatte Wava schon in vielen Bereichen der Designkultur den Hut auf: sie lehrte Designwissenschaft, kuratierte Ausstellungen, überwachte Auftragsarbeiten, organisierte Vorträge, schrieb Artikel und erledigte alle möglichen Aufgaben bei Design Miami. Wava lässt den Hut aber im Büro – auf der Straße bevorzugt sie ihre Sonnenbrille.

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