Zu Hause bei Daniela Niemeyer von MidMod20C


Die moderne Art zu leben

Von Gretta Louw

„Mit unserem Stil drücken wir aus, wer wir sind und was wir denken,” erklärt Daniela Niemeyer. Dabei sitzt sie an ihrem eleganten Esstisch von Peter Hvidt und Orla Mølgaard-Nielsen inmitten einer ganzen Sammlung von wundervollen Midcentury Originalen. Die gebürtige Stuttgarterin hat definitiv Stil – sogar so viel davon, dass sie ihr angeborenes Talent zum Beruf gemacht hat: ob Sourcing oder Beratung, in ihrem Unternehmen MidMod20C dreht sich alles um modernes Midcentury Design.

Auch wenn MidMod20C aus Danielas persönlicher Sammelleidenschaft und ihrem Interesse für Recherche entstand, war der Weg dorthin kein leichter. Wir trafen die junge Designfanatikerin in ihren nagelneuen Ausstellungsräumen in Basel und sprachen mit ihr über die unerwarteten Höhen und Tiefen, durch die sie ihre Leidenschaft bereits geführt hat, den erfolgreichen Austausch von Kunst und Design und fanden dabei heraus, warum sie ihr Leben dem Midcentury widmet.

Nach zehn Jahren in Zürich, wo sie lebte, studierte und arbeitete, begleitete Daniela ihren Partner, den Kunsthändler Timo Niemeyer, für einen neuen Job nach London. Für das Paar bedeutete der Umzug durch halb Europa auch, dass sie ihre Wohnung noch einmal ganz neu einrichten mussten. Also machte sich Daniela an die Arbeit. „Wir hatten schon immer Vintage-Möbel, weil wir uns neue [Designer] Stücke nicht leisten konnten”, erklärt sie. Das war bevor die Neudentdeckung des MidCenturys die Preise hatte ansteigen lassen und so konnte Daniela ihre neue Wohnung mit wundervoll gefertigten Möbelstücken aus Vintage-Boutiquen und von Trödelmärkten schmücken. Jedes Stück hatte einen ganz eigenen Charakter und eine individuelle Geschichte. So entdeckte Daniela ihre neue Leidenschaft.

Nachdem sie ihr eigenes Apartment fertig eingerichtet hatte, hielt sie nach weiteren Gelegenheiten Ausschau, ihre neue Leidenschaft auszuleben. Als ihr Partner 2012 eine Ausstellung mit Picassos Lithografien, Siebdrucken, Plakaten und Keramiken vorbereitete – Picasso Affiche in der Mayfair’s Gallery Symbolic Collection – , schlug Daniela vor, die Werke statt im üblichen White Cube zusammen mit Möbeln und Designobjekten aus Picassos Ära zu zeigen. „Die Stücke [in der Ausstellung] kosteten ungefähr genauso viel wie eine Handtasche aus einem der exklusiven Läden auf der Bond Street. Wir fanden, dass die Leute ihr Geld lieber in Kunst und Design als in Handtaschen investieren sollten.” Die Ausstellung war ein voller Erfolg. Alle Möbel wurden verkauft, obwohl die Ausstellung gar nicht darauf gezielt hatte. Und so begab sich das Paar auf mehr Abenteuer und arbeiteten zusammen an kreativen Projekten, die Mid-Century Kunst und Design vereinten, in London, Berlin und Zürich, bevor sie schließlich in einer Stadt landeten, die für das design- und kunstbesessene Paar wie gemacht zu sein scheint: Basel.

„Ich bin mehr Sammlerin als Händlerin”, erklärt Daniela – ein entscheidender Unterschied, der sich in den stimmigen Möbelkollektionen manifestiert, die sie kuratiert. Jedes Stück wird individuell ausgesucht und von Hand restauriert, entweder von ihr persönlich oder zusammen mit ihr vertrauten Kunsthandwerker*innen. Jedes Produkt würde Daniela auch für sich selbst aussuchen. So jemand ist kein Fashion-Victim und nicht allein auf Gewinn aus – Daniela ist Sammlerin aus Leidenschaft und hat großen Spaß an ihrer Arbeit.

Teak ist ein sehr sensibles Material, mit dem man sehr vorsichtig umgehen muss. Mit Teak lebt man ein bewussteres Leben. Zu Hause bei Daniela und Timo Niemeyer Foto © Gretta Louw „Ich liebe es, mit Holz zu arbeiten, das hat etwas sehr Meditatives”, sagt sie und fügt noch hinzu, dass sie einen besonderen Faible für Teak und Rio Palisander hegt. Sie spricht über diese Materialien als wären sie alte Freunde und und liefert genaue Erklärungen über einzelne Objekte. „Teak ist ein sehr sensibles Material”, bemerkt sie beispielsweise. „Man muss sehr vorsichtig damit umgehen. Mit Teak lebt man ein bewussteres Leben.” Teak gehört zu Danielas Lebensumgebung, denn die Ausstellungsräume von MidMod20C in Basel sind an ihren eigenen privaten Wohnraum angeschlossen, in dem sie mit ihrem Ehemann und ihrem kleinen Kind lebt. „Es ist kein Museum,” betont sie. Ihre Worte verdeutlichen, dass ein Interieur – egal wie wertvoll es sein mag – ihrer Meinung nach in erster Linie an seine Bewohner*innen angepasst sein muss. Ein befreiender wie ermutigender Ansatz: gutes Design sollte beständig, realistisch, erschwinglich und dennoch schön sein. Und wenn dabei mal etwas schief geht? „Dann repariere ich es eben”, sagt sie. Ein wahres Zeugnis der Qualität des Midcentury Designs.

Zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren modernistische Möbel natürlich ein erster Schritt in Richtung einer industrialisierten Produktion. Und dennoch, erklärt Daniela, hatte die breite Öffentlichkeit noch viel Wissen über Handwerk und Qualität. Heute, sagt sie, gibt es diese Art von Qualitätsarbeit einfach nicht mehr, auch nicht in den höheren Preisstufen. Dass die Mid-Century Möbel bis heute überlebt haben in in solch guter Konditio sind zeugt von ihrer Qualität. Auch wenn sie jahrzehntelang in normalen Familienwohnräumen ansässig waren, und dazu noch in den 1950er und 1960ern oft umgeben vom Zigarettenqualm, hielten diese Stücke den rauen Strapazen des Alltags stand. Aufgrund ihrer qualitativ hochwertigen Materialien und dem gekonntem Handwerk können diese Vintage Möbel auch heute noch in einen fast perfekten Zustand restauriert werden.

Daniela begutachtet jedes erworbene Objekt mit einem kritisches Auge und mit großer Sorgfalt, um abzuschätzen, wie ein bestimmtes Objekt restauriert werden und seine einstige Pracht wiederfinden kann, ohne dabei die kostbare Patina zu verlieren. Am Anfang dieses Prozesses steht immer die Hochachtung und Wertschätzung für die ursprüngliche Form. „Es ist doch traurig, Möbel zu kaufen, die einem nichts bedeuten,” beklagt Daniela. Für sie ist die Freude am kreativen Prozess, diese klassischen Stücke zu restaurieren und in einen neuen Kontext zu setzen, eine große Motivation, doch die Sorge um Nachhaltigkeit spielt auch eine große Rolle. „Der Vintage Markt ist sehr von der Idee geprägt, der heutigen Konsumkultur entgegenzuwirken,” erklärt sie.

Daniela verrät uns, dass viele ihrer Kund*innen zunächst oft nur ein einziges Möbelstück suchen – vielleicht ein Sideboard oder ein Esszimmer-Set – einige Jahre später dann aber wiederkommen, und sich ein komplettes modernistisches Interieur wünschen. Daniela schätzt, dass das Suchtpotential des Stils an seinem klaren Minimalismus, der aber nicht die Härte „maskulinerer” Genres wie Bauhaus hat, liegt.Skandinavischer Modernismus verbindet maskuline Linien mit femininen Materialien, Farben, Stoffen und Formen,” sinniert sie.

Diese Leidenschaft der Niemeyers für Kunst und Design des Mid-Centurys konnte man bei der diesjährigen Art Basel in ihren Ausstellungsräumen bestaunen. Die beiden zeigten eine Auswahl von limitierten Kunstdrucken aus der Zeit zwischen den 1930ern und 1970ern. Daniela erklärt dazu: „Wir wollten eine Installation von universellem Modernismus in einem friedlichen, ruhigen Setting zeigen, und auch zeigen, wie man daraus auch heute Inspirationen für die Gestaltung von Lebensräumen ziehen kann.” In ihrer Ausstellung traf italienische Beleuchtung von Stilnovo auf skandinavische Möbel – von Koryphäen wie Arne Vodder, Ib Kofod Larsen, Grete Jalk, Kai Kristiansen und natürlich dem dynamischen dänischen Duo Hvidt & Mølgaard – umgeben von limitierten Künstlerdrucken der modernen Avantgarde an den Wänden. Die Entscheidung, Kunst und Design der Moderne gemeinsam auszustellen, bringt für die Niemeyers die konzeptionelle, interdisziplinäre Hybridisierung der Bewegung zum Ausdruck.

„Es ist eine dekorative und erschwingliche Art, Kunst zu sammeln,” sagt Daniela, „und unsere Kund*innen schätzen die Inspiration für ihre Wände sehr.” Die Grenze zwischen Kunst und Design verschwimmt heute im kreativen Bereich immer mehr, und in diesem Sinne freuen wir uns dass der Art, wie Kunst und Design miteinander räumlich interagieren, endlich mehr Beachtung geschenkt wird – und darauf, Interieurs zu sehen, die durch die Geschichten, die durch diese Objekte erzählt werden, zum Leben erweckt werden.

  • Text von

    • Gretta Louw

      Gretta Louw

      Die multidisziplinäre australische Künstlerin Gretta wurde in Südafrika geboren und lebt zurzeit in Deutschland. Sie ist Sprachenthusiastin und Weltenbummlerin, hat einen Abschluss in Psychologie und eine große Vorliebe für die Avantgarde.
  • Übersetzung von

    • Hanna Komornitzyk

      Hanna Komornitzyk

      In ihrer Freizeit widmet sich Hanna den neusten US-Serien, langen Laufrunden an der Spree und dem kulturellen Leben Berlins. Ihre erste große Liebe war die Kunst, dicht gefolgt von SciFi und Arthouse-Filmen, Indie und Alternative, Bauhaus und Grafikdesign. Neben dem Übersetzen findet sie Entspannung vor allem im Web, wo sie stundenlang imaginäre Wohnräume mit minimalistischer, leicht verträumter Designerware einrichtet. Hanna ist in der westfälischen Provinz aufgewachsen und kam für einen Master in English Studies nach Berlin.

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