Warum Art Déco nicht aufhört, uns zu faszinieren


Das Art Déco Revival

Von Rachel Miller

Feelings that come back are feelings that never left.
—Frank Ocean

 

Da Art Déco derzeit einer der heißesten Trends im Interior Design ist, haben wir kürzlich einen Rückblick auf die Geburt und das Revival der Bewegung im 20. Jahrhundert geworfen. Die letzte Story unserer dreiteiligen Serie beleuchtet, wie Art Déco auch jetzt wieder im Mittelpunkt der Designwelt steht und Designliebhaber im Sturm erobert.

Bevor wir uns dem Neuen widmen, sollten wir allerdings noch einmal kurz auf die Geschichte blicken: In Teil I sahen wir, wie der Art Déco-Stil im 19. Jahrhundert als Gegenbewegung zu der umfassenden Industrialisierung und den damit einhergehenden Veränderungen im Lebensraum entstand. In seiner ursprünglichen Form verkörperte Art Déco einen kollektiven, internationalen Wunsch danach, zu handwerklichen Prozessen mit mehr Seele zurückzukehren. Diese Bewegung wurde damals allerdings schnell vom Siegeszug der Moderne in den Schatten gestellt. In Teil II betrachteten wir die Generation von Designern, die in den 1960er Jahren von der Moderne unterdrückt wurde und den Art Déco-Ansatz als eine leidenschaftlichere Alternative wiederbelebte.

Warum also überlebt Art Déco bis heute? Trotz seiner retro-orientierten Tendenzen ist es eine lebendige Go-to-Ästhetik für Designer, die den Status quo aufmischen wollen. In einer Welt, in der unglaubliche Mengen an nichtssagenden Wegwerf-Möbeln von den Fabriken ausgespuckt werden, macht es Sinn, auf die Vergangenheit zu blicken. Was bleibt, ist ein Gefühl der Nostalgie für eine Zeit, in der Qualität wichtiger war als Quantität und in der Design eigenwillige Eleganz statt fügsamer Konformität bedeutete.

Die folgenden zeitgenössischen Designer sind einige unserer Lieblingstalente, die Art Décos glamouröse Formen, luxuriöse Materialien und Hingabe zur Handwerkskunst neu interpretieren. Die Inspirationsquelle mag hundert Jahre alt sein, doch die Resultate sind direkt am Puls der Zeit.

India Mahdavi

In letzter Zeit sind Einrichtungen im Déco-Stil allgegenwärtig, aber die der in Teheran geborenen und in Paris ansässigen Architektin und Designerin India Mahdavi stechen trotzdem hervor. Ihre Interieurs sind harmonisch und ausbalanciert und beeindrucken gleichzeitig durch ihre schillernde Dekadenz. Seit sie 1999 imh Interiors gründete, hat Mahdavi mit einigen der größten Mode- und Lifestyle-Marken zusammengearbeitet, darunter Ralph Pucci, Jonathan Morr, Ian Schrager, Givenchy und Louis Vuitton. Ihre Arbeiten feiern zwar häufig die großen Meister der Moderne; ihre vielen wundervoll Art Déco-esquen Räumlichkeiten erinnern jedoch eher an das goldene Zeitalter Hollywoods. Besonders stark kommt dies in der 2016 gestalteten, elegant stromlinienförmigen RED Valentino Boutique in London zum Ausdruck, in der eine Farbpalette in sanftem Pink und Ockerfarben auf Samtbezüge und viele Akzente aus Messing trifft.

Anthony Bianco

Die ursprünglichen Art Déco-Designs waren häufig von Kunstströmungen wie dem Kubismus oder dem Futurismus inspiriert. Auch heutzutage greifen viele Designs im Déco-Stil diese eckigen, vielseitigen und stark geometrischen Formen auf. Ein besonders gutes Beispiel hierfür sind die opulenten Beleuchtungsdesigns des amerikanischen Designers Anthony Bianco. Bianco, der 2013 sein Studio in Brooklyn gründete, verrät: „Art Déco hat mich schon immer fasziniert und inspiriert. Mich zieht der Gedanke vom Handgemachten versus Massenproduktion an, die Verwendung von Symmetrie und das Wiederholen geometrischer Formen als Grundlage der Komposition.“ Man kann sich gut vorstellen, dass seine Yassin Torchiere (2014) oder seine Illuminated Series (2016) perfekt in die Einrichtungen ikonischer Art Déco-Gebäude wie dem Chrysler Building passen würden.

Michael Schoner

Die Arbeiten mancher zeitgenössischen Designer fühlen sich auf eine Art nach Art Déco an, die an die Ästhetik von Memphis erinnert, welche ihrerseits die gestuften und wellenförmigen Designs der 1920er und 30er Jahre aufgriff. Der in Amsterdam ansässige deutsche Designer Michael Schoner  zum Beispiel findet, dass heutzutage im Design eine grundlegende haptische Qualität fehlt. Er setzt sich daher für maßgefertigte, charaktervolle und authentische Objekte ein. „Ich nähere mich meiner Welt mit einer Art ironischen Blick auf die üppigen Tendenzen des Art Déco“, sagt Schoner. In Werken wie seiner Sunrise Lamp (2011) ist der Bezug zu Déco-Architektur offensichtlich, die Materialien und Beschichtungen sind jedoch von Pop Art beeinflusst – etwas, das übrigens ebenfalls typisch für die Arbeiten von Ettore Sottsass war. 

Hagit Pincovici

Für einige geht es vor allem darum, eine Tradition am Leben zu halten. Die in Tel Aviv geborene und in Mailand ansässige Designerin Hagit Pincovici stammt aus einer Handwerker-Familie. Zu einer Karriere im Möbeldesign wurde sie inspiriert als sie ihrem Großvater bei der Arbeit in seiner Werkstatt zusah. Heute fertigt sie ihre ausgearbeiteten, detaillierten Designs auf Bestellung in einem Atelier in Familienhand in Brianza an und erweckt mit ihren Metaphysics Sideboards (2014) und Eclipse Tischen (2015) die Geister der italienischen Art Déco-Bewegung wieder zum Leben. Während sie ihre Verbindungen zu der Epoche des Art Déco nicht allzu sehr hinterfragt, schreckt sie definitiv nicht vor dynamischen Silhouetten und grafischen Verzierungen zurück.

Kostas Neofitidis

Apropos vom Art Déco inspirierte grafische Verzierungen... Die lebendigen Arbeiten des zyprischen Künstlers und Designers Kostas Neofitidis sollen Kunst in den Alltag bringen – eine Philosophie die auch viele der ursprünglichen Vertreter des Art Déco teilten. Neofitidis liebt die Tatsache, dass neue Herstellungsmethoden es einfacher und erschwinglicher machen, Objekte zu kreieren, die das Können de Künstlers widerspiegeln. „Der Schwerpunkt unserer Produktion liegt auf funktionalen Kunst-Kollektionen in limitierter Auflage, die Qualität und Gefühl betonen“ erklärt er. In seiner 2013 veröffentlichte KOTA Kollektion aus Keramik, Textilien und Drucken findet man fröhliche geometrische Kompositionen, die an die Gemälde des Bauhaus-Professors Wassily Kandinsky erinnern.

Cristina Celestino

Die zarten, raffinierten und sinnlichen Designs der italienischen Architektin und Designerin Cristina Celestino sind momentan sehr gefragt. Celestino ist zu einer berühmten Vertreterin des wiederkehrenden Déco-Trends geworden. Ein Blick auf das für Fendi designte Happy Room, das erstmal 2016 bei Design Miami gezeigt wurde, erklärt warum. Diese 12-teilige, juwelenfarbene Kollektion umfasst Tische mit Einlegearbeiten aus verschiedenen Marmorarten und großen Sockeln aus gebürstetem Messing, Raumteiler mit von Harz umschlossenem Nerz und großzügig proportionierte Sitzmöbel mit Samtbezügen und Pelzbesatz. Der Bezug zum Art Déco zeigt sich auch in ihren von Federn inspirierten Plumage Vasen für BottegaNove (2016), ihren Piccolo Principe Lampen (2017) und ihrem üppigen Calatea Sessel für Pianca (2017). Celestinos jüngster Exkurs in die Déco-Ästhetik ist der fantastische Cocept Store, den sie 2017 für Sergio Rossi designte.

Studiopepe

Das Mailänder Studiopepe ist ein weiterer großer Name im Contemporary-Design, der sich erfolgreich von den Formen des Art Déco inspirieren lässt. Das 2006 von Arianna Lelli Mami und Chiara Di Pinto gegründete Studiopepe arbeitet in den unterschiedlichsten Design-Disziplinen. Unter ihren Kunden sind Trendsetter wie Alessi und Tod’s bis hin zu Elle Décor. Die einzigartigen Einrichtungen des Duos lassen klassische Designelemente zeitgenössisch erscheinen und heben insbesondere die Schönheit hochwertiger Materialien hervor. Über ihre historischen Einflüsse sagt Lelli Mami Folgendes: „Art Déco bedeutet für uns Eleganz- in ihrer grundlegendsten Bedeutung- jedes Detail ist geplant und umfasst nicht nur Design, sondern auch Architektur und Mode. Ich selber lebe in einer Nachbarschaft mit Gebäuden aus den 1930er Jahren. Es ist fantastisch, wie jedes Detail so zauberhaft ist und zu einer Inspirationsquelle werden kann.“ Über ihr neuestes Projekt, The Visit (2017) im Brera Design Apartment in Mailand, sagt sie: „Wir spürten, dass wir nicht nur die Geschichte eines Ortes, sondern auch die einer Geste, eines Rituals, genauer gesagt die des Besuches, erzählen wollten.“ Das Apartment umfasst Designs von Jean Prouvé, Ettore Sottsass, Gio Ponti und Angelo Mangiarotti.

Gabriel & Guillaume

Die heutigen Umsetzungen des Art Déco-Stils sind viel zurückhaltender als im letzten Jahrhundert. Während die Materialien, Strukturen und Schichtungen an die Fülle der Art Déco-Ära anknüpfen, sind die Räumlichkeiten generell viel luftiger. Und kaum jemand hat diese zeitgenössische Déco-Interpretation so sehr gemeistert wie die libanesisch-französischen Design-Händler Gabriel & Guillaume. In den Einrichtungen des Duos werden Vintage- und Contemporary-Objekte meisterhaft und mit genau der richtigen Komplexität gemischt. „Art Déco ist ohne Zweifel eine Referenz für Contemporary-Einrichtungen,“ sagt Guillaume Excoffier, der seit 2013 mit Nancy Gabriel zusammenarbeitet. Die beiden nennen Jean-Michel Frank, Henri Samuel und Gio Ponti als wichtige Einflüsse und geben zu: „Uns zieht eher eine leichtere Form von Art Déco an. Die Menschen leben heute anders als früher. Wir nehmen Elemente, die uns gefallen, aus der Vergangenheit um ein modernes Zuhause zu kreieren, das zum Lebensstil des 21. Jahrhunderts passt.

Mehr über die Geschichte des Art Déco finden Sie in den anderen Stories dieser Serie, All That Jazz: 100 Jahre im Glanz des Art Déco und Eine Liebesgeschichte: Der glamouröse Reiz des Art Déco der 1960er bis 1990er

 

 

 

 

  • Text von

    • Rachel Miller

      Rachel Miller

      Rachel kommt aus Kalifornien, USA. Derzeit lebt sie in Berlin und macht in Literaturwissenschaften ihren Master. Wenn sie nicht gerade liest oder schreibt, ist sie auf der Suche nach Berlins bestem Craft Bier. Ihre Reiselust inspiriert sie zu großen Abenteuern an verschiedensten Orten auf der Welt sowie zuhause in ihrer Küche.

  • Übersetzung von

    • Annika Hüttmann

      Annika Hüttmann

      Annika ist umgeben von skandinavischem Design zwischen Norddeutschland und Südschweden aufgewachsen. Für ihr Literaturstudium zog sie nach Berlin und entdeckte dort ihre Leidenschaft für deutsche Vasen aus den 1950ern-70ern, von denen sie inzwischen mehr als 70 Stück besitzt.

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